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5.

 

 

 

Jetzt hänge ich an Jeremias Lippen und nehme jeden Gedanken auf, den er zwischen Kröten und Moder und dem gleißenden Sonnenlicht über uns herauszubringen versucht. Er riecht staubig; seit er mir damals im Lagerhaus hinterschrie, haftet ihm dieser Geruch an.

Er könnte mich wahrscheinlich umbringen wenn er wollte, doch dazu bin ich zu freundlich und zu anhänglich.

 

 

Ich keuche leise auf als ich seine Finger an meinem Arm fühle. Er nimmt meine Haut zwischen Daumen und Mittelfinger, drückt zu und quetscht bis mir Tränen in die Augen treten.

„Warum machst du das immer?“, wimmere ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Ich kann ihm nicht böse sein. Er ist wie ein böser Zwilling, ein dunkler Geselle. In jedem größeren Schauspiel bedarf es eines Helden und eines dunklen Gegenspielers, den Gram und schlimme Erfahrungen zu dem gemacht haben, was er schließlich ist.

„Weil du nicht aufhörst!“, flüstert er leise und es wirkt so seltsam, weil ich seine tiefe Stimme so nicht hören kann, weil er wirkt als wäre er verzweifelt.

 

 

„Unsinn!“, presse ich gequält hervor.

„Du könntest mich wegstoßen und abhauen. Warum tust du es nicht?“

Ich hänge halb über ihm, seine Finger sind in mein Shirt gekrallt und krümmen sich als wäre es krankhaft.

Jeremia antwortet nicht.

Er antwortet nie auf meine Fragen.

 

 

Es wie an diesem Tag als er den Fisch angelte und wieder ins Wasser warf.

Zwischen uns stehen tausend unausgesprochene Dinge. Dinge, die man niemals auf der Welt alle ansprechen und ausdiskutieren könnte. Ich habe das Gefühl, dass wir uns niemals einig werden können. Wir sind so unterschiedlich, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen und im begrenzten Raum doch immer wieder aufeinander treffen.

 

 

Jeremia lag unter mir an diesem Tag. Die Bretter des Steges knirschten und knarrten leise und ich bekam langsam einen Sonnenbrand auf dem Rücken. Er keuchte und kniff die Augen zusammen bis ich ihm mittendrin meine Sonnenbrille aufsetzte und er plötzlich aussah wie ich und ich seine schier unsichtbare Iris überhaupt nicht mehr beobachten konnte. Da versuchte ich mich auf seinen Mund zu konzentrieren, die aufeinandergepressten Lippen, die sich zum Ende hin immer mehr öffneten wie eine Blüte im Laufe eines Morgens.

Das Wasser plätscherte leise gegen den Steg und trug den leichten Wind weiter, ab und an kräuselte sich die Oberfläche des Sees und dann war ein Karpfenmaul zu sehen, klein und hässlich, wenn es die Grenze zwischen Wasser und Luft neugierig abfischte.

Mit Recht kann ich behaupten, dass Jeremia an diesem Tag unter mir zusammenschmolz.

 

 

Wir lagen noch lange beieinander, bis die Dämmerung im Schilf zu flüstern begann und alle Frösche in der Umgebung zu einem Chor anhoben. In den letzten Lichtstrahlen des Abends fuhr ich mit der äußersten Spitze meines Zeigefingers auf Jeremias Wangen entlang, betrachtete seinen ausdruckslosen Blick hinter den großen Gläsern meiner Brille und versuchte, ansteckend zu lächeln. Im Waldstück hinter dem See erhob ein Käuzchen sein Klagelied.

Dann grub er seine Nägel in den Sonnenbrand an meinem Rücken und mein Herz begann, schneller zu schlagen.

Meine Fingerspitze war nass geworden.

 

 

 

 

Ich möchte die Hand heben und beinahe wie neulich über die Wangen meines Freundes streicheln, obgleich er aussieht wie ein knurrender Hund, der jederzeit wieder an mir herumkneifen und beißen und schlagen möchte.

Mein Handy surrt in der Hosentasche.

 

 

„Malwine liegt im Krankenhaus.“, sagt meine Mutter am anderen Ende.

„Nichts Ernstes, aber ihr ist schlecht geworden nachdem sie sich gestern böse den Kopf gestoßen hat. Willst du sie nicht besuchen gehen?“

 

 

Ich versuche zu widersprechen. Warum begnügt sie sich nicht damit, dass ihre Eltern sie am Krankenbett besuchen kommen?

„Sie hat nach dir gefragt. Geh einfach mal kurz hin.“

Es geht bestimmt wieder um die Beziehung in der Nachbarschaft.

 

 

Die alten Tugenden werden wieder hochgehalten in der Gesellschaft. Fleiß, Disziplin, eiserner Wille genügen dem Menschen gerade so, um seine Ziele zu erreichen. Die Erde ist kaputtgespielt und wahrscheinlich ist dies die einzige Methode, weiter zu leben. Gerade in der jetzigen Zeit muss jeder verantwortungsvoll mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt umgehen. Das habe ich schon im Kindergarten gelernt und verinnerlicht.

Ein gutes Nachbarschaftsverhältnis kann im rechten Moment Leben retten.

 

 

„Sie hängt an dir.“, sagt Jeremia kurz bevor der Krankenhausfahrstuhl die Zielstation erreicht.

Es ist das erste Mal, dass er mir folgt, dass er einen Weg mit mir gemeinsam geht. Und mich nicht schlägt oder auf mich schimpft.

Hier, zwischen weißen Wänden und fahlen Blumenbildern in Warteräumen, billigen van Gogh-Kopien und verstaubten Modezeitschriften wirkt er heimisch, blass wie er ist.

Beinahe wie ein Leukämie-Patient oder ein Drogenabhängiger auf Entzug.

 

 

Es wirkt, als sei er in einem Krankenhaus geboren und aufgewachsen. Allein und ohne Bezugsperson. Von seinen Eltern kann ich nur träumen, es wäre egal, ob ich ihn fragen würde. Eine Antwort würde ich wohl nie bekommen.

 

 

Dann stehen wir an Malwines Bett.

 

 

Ihre Mutter hat ihr einen hässlichen Teddy mitgebracht, dem ein Auge fehlt und dessen Naht am Hals aufgegangen ist. Die grau gewordene Füllwatte schaut heraus wie der Schaum vorm Mund eines Tollwütigen. Ich weiß nicht, warum sie diesen Teddy so mag, er ist ein kleines Monster. Immer wenn ich das anmerke, widerspricht sie mir ganz leise. Er würde sie an zu Hause erinnern, sagt sie jedes Mal.

 

 

Als Malwine mich sieht, leuchten ihre Katzenaugen merklich auf. Um ihren Kopf hat sie einen breiten und festen Verband gewickelt, der ihn noch größer und unförmiger erscheinen lässt.

„Was machst du denn?“

Ich tadele sie zur Begrüßung ordentlich, alle Augen der umliegenden Patientinnen ruhen jetzt auf mir und meinem Lächeln.

„Du musst besser aufpassen beim Schaukeln!“

Für eine Sekunde glänzt Ratlosigkeit in ihrem Blick, dann kommt Verwirrung.

 

 

Jeremia stellt sich selbst vor. Es gibt nicht viel zu sagen.

Ich spiele gelangweilt mit den Nelken herum, die Malwine in einer grünen Vase neben ihrem Bett zu stehen hat. Sie sehen noch ganz frisch aus, rosa und pink wie die Farben von Puppenkleidchen und Mädchenschuhen. Wenn man am Stengel kratzt, zerreiben sich die Fasern unter den Fingernagel.

 

 

Als ich wieder aufsehe, hält Malwine Jeremias Hand.

Sie schauen aneinander vorbei, zur Wand und zum Fenster. Die aufgedunsenen Lippen des Mädchens hängen schlaff. Es wirkt wie eine Fotographie, die sich in Schwarzweiß in meinem Gedächtnis verewigen will.

 

 

„Jeremia ist wie ein böser Zwilling.“, sagte ich neulich zum Eisverkäufer im Café an der Straßenecke.

„Wie in den alten Cartoons. Es muss immer einen Guten und einen Böse geben, verstehen Sie?“

Er schaute mich nicht an, sondern betrachtete die silbernen Löffel, die er polierte. Lange Löffel, die man zum Eisbecher bekommt, an denen die Soße und die Sahne doch bis zum untersten Rand kleben bleiben und die Finger verschmieren.

„Und wenn es gar keinen Bösen gibt?“, murmelte er dann und blinzelte leicht gegen die Sonne an.

„Was wäre denn der gute Held ohne einen bösen Schurken? Dann müsste er ja selbst ein Bösewicht werden, weil das Gleichgewicht gestört ist.“

 

 

Seine Stimme klingt stets ein bisschen belegt. Er trägt immer graue Hemden und eine rote Fliege, alle Welt nennt ihn des Klischees wegen einen Italiener, obschon er aus dem Schwarzwald kommt. Er wirkt wie der Werbeträger einer Pizzeria, besonnen, gleichmütig, gedankenlos.

 

 

Er schaute hoch und blinzelte eine winzige schwarze Gewitterfliege aus dem rechten Auge. Im Café saßen murmelnd und flüsternd Menschen, der Geruch von Kaffee, von Pfefferminztee, Schokoladen- und Himbeereis waberte zur Eingangstür hinaus.

Dann lachte der Eisverkäufer;

 

 

„Junge, mir scheint, du hast einen Yin-Yang-Komplex!“

 

 

 

 




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