Weltenbummler

  Startseite
  Über...
  Archiv
  Bend and Break-1.
  Bend and Break-2.
  Bend and Break-3.
  Bend and Break-4.
  Bend and Break-5.
  Bend and Break-6.
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


Webnews



http://myblog.de/wortschaetzchen

Gratis bloggen bei
myblog.de





4.
 

Wieder versuche ich, in seine Haare zu greifen. Oder seine Wange zu streicheln.

Er versucht auszuweichen und ich rutsche nach, es ist ein altgewordenes Spielchen, das sich hinziehen kann wie bei Löwen oder Tigern.

„Du weißt, dass ich nicht gehen werde.“, flüstere ich sanft.

„Du willst es doch gar nicht.“

Der Boden macht ein matschiges Geräusch. Ich habe das Gefühl, dass ich zentimeterweise einsinke, wenn ich mich bewege.

„Warum sollte ich es dann sagen?“, knurrt Jeremia.

Dann bin ich zu nahe und er greift nach meinem Arm, drückt zu wie damals wie Lagerhaus. Es fühlt sich an, als würde er das Blut abklemmen, als würde alle Wärme aus dem Arm weichen. Ich keuche einmal auf, und noch einmal, als er mir mit der anderen Hand eine runterhaut.

 

Das klatscht unangenehm in der so stillen Umgebung. Der Schmerz ist mir inzwischen wohlbekannt, ohne ihn würde mir unglaublich viel fehlen.

Ich spüre, wie ich zu beben anfange, weicher und wärmer werde und dass Jeremia das bemerkt.

Er senkt die Augenbrauen, schlägt noch einmal zu und ich keuche wieder auf.

Schließe die Augen, sehe weiße Punkte vor einem schwarzen Vorhang hin- und herrollen, explodierende, lichtlose Sterne und höre Jeremias Mitkeuchen.

Um uns herum stinkt das Land, vermodert die ganze Welt.

Nur wir sind hier, in der Blüte einer seltsamen Freundschaft.

 

Ich habe dich gezähmt, mein Freund, das darfst du nicht vergessen.

Ich zittere fiebrig und wage mich erneut heran.

 

Jeder Schlag ist willkommen.

Ich kenne das alles inzwischen so gut, denn bisher kugelte er meinen Arm aus, quetschte meinen Daumen in einer Tür, zerrte an meinen Ohren, bis es darin klingelte, trat dahin, wo es besonders wehtat. Er ist meine schwarze Seite.

 

Ich beuge mich etwas vor und küsse ihn fest und lang. Etwas zwischen uns beginnt zu zittern, er lässt sich halb nach hinten fallen und ich spüre den kalten Matsch an meinen Fingerspitzen, als ich mich mit den Händen abstütze. Dann sind da Jeremias Hände, die versuchen, mich von sich fortzuschieben; ich kann sie fühlen, zwischen meinen Fingern, verschmiere den lehmigen Boden zwischen seinen Handtellern und sauge seinen aufgeregten Atem leise auf.

 

„Du bist so selten da.“, sagte Malwine gestern zu mir. Eine halbe Stunde Hängemattensitzen hatte mir gereicht, ich fühlte mich unruhig und aufgetrennt, wie ein Faden, den man zum zehnten Male durch das Nadelöhr zu schieben versucht.

„Komm öfter her!“

Sie hatte eine blaue Stelle an der Schläfe, die im Sonnenlicht leicht violett schimmerte. Wahrscheinlich rutscht ihrem Vater seltener die Hand aus wenn Besuch anwesend ist. Kein Wunder, doch ich fühle mich nicht verpflichtet, bei ihr zu sein.

Ihre Katzenaugen haben sich in mein Gedächtnis geprägt, ich brauche sie nicht wirklich anzusehen.

Es ist Jeremia, den ich unbedingt immer wieder anschauen muss.

Ich vergesse sein Gesicht jeden Abend erneut, jede Nacht kann ich stundenlang wachliegen und versuchen, mich an seine Züge zu erinnern.

Wie paradox, dass ich ihn jedes Mal dennoch sofort wiedererkenne, wenn ich ihn treffe.

 

„Ich bin beschäftigt.“, versuchte ich, Malwine abzuwimmeln.

In letzter Zeit habe auch ich öfter blaue Flecken. Wen kümmert es schon?  Trotzdem sie ein Chromosom einmal zuviel hat, sollte sie versuchen, langsam erwachsen zu werden.

Ich habe mich nie als ihr Freund gesehen, nicht mal als einen großen Bruder.

Lediglich die Neugier an ihre bernsteinfarbenen Augen verband uns. Die Nachbarschaft.

„Bitte, Arne!“, sie begann, an der Hängematte zu schaukeln, ungeduldig, hektisch, wie ein kleines Kind, welches anfängt zu quengeln, weil es keinen Mittagschlaf machen will.

„Ich mag dich doch! Bleib noch hier, bitte!“

 

Sie schob sich neben mich und schaukelte noch immer. So heftig, dass die beiden Apfelbäume, an denen wir hingen, sich leicht zu wiegen begannen.

„Hör jetzt auf damit!“, schrie ich.

Malwine weinte.

 

Wie eine Puppe, die auf Knopfdruck Wasser aus einem Reservoir im Gummibauch pumpen kann, weinte sie. Es wirkte ausdruckslos und ohne Anstand.

 

Eine Wolke schob sich vor die Sonne, als ich so abrupt aufstand, dass Malwine sich nicht halten konnte im Schwung der selbst verursachten Fliehkräfte. Sie kippte hintenüber. In der Luft sah ihre Rolle rückwärts wie ein Purzelbaum in einem Zirkus aus, ihr Rock mit den grünen Streifen  flog hoch, entblößte sie für den Bruchteil einer Sekunde, dann knallte ihr Kopf wie ein weggeworfener Ball gegen einen Baumstamm. Es gab kaum ein Geräusch.

 

Ich schob die Hände in die Hosentaschen, strich mir die Haare aus der Stirn und ging ohne mich umzusehen.




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung