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3.
 

„Ich habe keine Ahnung, wo dein Problem liegt!“, keuche ich unter ihm. Meine Brust ist bis zum Zerreißen gefüllt mit Schreck, Ärger und Anspannung.

Anspannung auf mehr.

„Dich geht Malwine gar nichts an. Du kennst sie nicht einmal.“

Zweimal muss ich schlucken, weil es für einen Augenblick so aussieht, als ob Jeremia gleich die Hand heben und zur Faust ballen wird. Seine Faust in meinem Gesicht- ich habe nicht mitgezählt, wie oft das wirklich passiert ist oder ob ich die Hälfte oder zwei Drittel der Male, in denen es tatsächlich geschehen ist, nur geträumt habe.

„Und warum bin ich ein Arschloch, wenn ich sie von der Straße weghole?“

 

Die Sonne steht direkt im Zenit. Es ist, als würde sie ein Lot direkt auf mich fällen und mich schattenlos unter ihrem Licht begraben, wenn Jeremia nicht über mir sitzen würde, beide Hände an meinen Kragen gelegt, leise den Atem in seine Lungen ziehend als würde ihn das anstrengen.

 

„Du kapierst es einfach nicht, oder?“, murmelt er fassungslos.

„Du kapierst es nicht.“

 

Der Wind wirft sein fast weißes Haar seltsam rhythmisch zurück; einzelne Strähnen, die beinahe bis zur Schulter gehen- wie bei mir- und schließlich, wenn die Bö vorbeigezogen ist, wieder niedersinken.

 

Ich weiß nicht, was zu kapieren gibt. Malwine mag ich nicht einmal. Sie ist ein gestörtes, blödes Kind, mit dem man sich nie richtig anfreunden kann. Sie hat ein Problem mit dem Schlucken, wenn es kalt ist und braucht manchmal in der Nacht ein Atemgerät. Sie ist fünfzehn Jahre alt und flach wie ein Brett. Das einzige, was ich an ihr wirklich mag, sind diese durch und durch mandelförmigen Augen mit der Farbe von Bernsteinen. Solch eine Augenfarbe kommt sehr selten vor, man sieht sie eigentlich nur bei Katzen. Und das hat Malwine wirklich- hübsche, wissende Katzenaugen mit großen Pupillen in der Nacht, die zu winzigen, stecknadelkopfgroßen Erbschen zusammenschrumpfen, wenn die Sonne aufgeht.

 

Man kann sich mit ihr einen ganzen Nachmittag vertreiben, wenn man mit ihr im Garten ihrer Eltern sitzt, entweder am Pool oder im Rasen. Oder in der Hängematte dahinschaukelt. Dazu muss ich nur Eistee mitbringen oder Gummitiere in Krokodilform. Ihre Lieblingstiere sind Krokodile, weil diese Tiere keine Wurzeln an den Zähnen haben und somit an der Stelle keinen Schmerz empfinden. Dabei hat sie nicht einmal Probleme mit den Zähnen. Es ist der bloße Gedanke, der ihr missfällt.

 

Weil Malwine blöd ist, kann man sich mit ihr gut die Zeit vertreiben.

Wenn ich ihr ein Küsschen gebe, darf ich einen ganzen Tag lang auf die Hängematte und bis zum späten Abend darin herumdösen und vom Karibikurlaub träumen, der vor zwanzig Jahren vielleicht noch möglich gewesen wäre.

Heute gibt es dort nur noch verbranntes und verdorrtes Land.

 

Dann liegen wir im Garten und sie hält unbeholfen meine Hand fest und ich streiche ihre dünnen, sandfarbenen Haare aus dem Gesicht.

Und höre ihre Stimme, den seltsamen, alienhaften Singsang, manchmal den gesamten Tag über.

„Ich mag dich total, Arne. Bleib immer hier, ich mag dich so.“

 

„Es hätte keinen Sinn, wenn ich anfange würde, dir zu erklären, warum du dieses Kind immer wieder heimbringst.“, murmelt Jeremia, schon fast nachdenklich. Nun gut, aggressiv nachdenklich.

„Wozu auch?“, entgegne ich.

„Ich bin nicht für sie verantwortlich.“

Er schnaubt verächtlich durch die Nase und setzt sich auf. Seine Hose ist an den Beinen durchgeweicht mit Morast und auch ich fühle die saftige Erde an den beiden Backen, an meinen Beinen. Die Kühle weicht sich durch bis unter die Haut.

 

„Verpiss dich, los.“, sagt er, als er von mir ablässt.

Schaut in die Ferne, wo die Hasen ihre Frühlingskunststückchen vollführen, Haken schlagen und Balztänze aufführen.

Und wir haben November.

 

Schon so oft hat Jeremia zu mir gesagt, ich solle mich verpissen. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich dies noch nie getan habe.

Und auch jetzt werde ich mich nicht bewegen, keinen einzigen Zentimeter. Weil ich einfach zu ihm gehöre.

 

„Wieso?“, lächle ich und setze mich vorsichtig auf. Der Erdboden unter uns stinkt nach Verwesung, nach Teichkot. Ich mag es hier so gar nicht. Malwines Pool ist schön, weil er streng nach Chlor riecht, von dem man dieses herrliche Brennen in den Augen hat, wenn man darin einmal untergetaucht ist. Ein-zwei Tage nach dem Bad bilden sich dann rötliche Fleckchen auf der Haut, besonders auf den Schultern und den Armen, an denen ich mit einem gewissen Vergnügen so lange kratze bis sie bluten.

Malwine mag den Pool nicht.

 

„Du weißt warum. Verpiss dich.“, knurrt Jeremia und nickt mit dem Kopf in die Ferne, als wollte er mich wegscheuchen wie einen Hund.

„Nein, weiß ich nicht.“, beharre ich sanft und fahre mit der Hand durch sein blendend helles Haar. Es ist so weich wie das Material, aus dem man Kuschelsocken herstellt, wie Kükenflaum oder das Fell ganz junger Kaninchen.

Er legt den Kopf zur Seite um meinen Fingern auszuweichen.

„Dann weißt du es eben nicht. Verschwinde einfach.“

 

Dass er mir sagte, ich solle verschwinden, fing eigentlich sehr früh an.

So ganz genau habe ich nie herausbekommen, warum er mich nicht bei sich haben möchte. Ich bleibe dennoch.

Es ist wie Schwarz und Weiß. Hell und dunkel. Kalt und warm. Wie sind wie Gegensätze, die sich immer und immer wieder anziehen. Mit Träumen hat es angefangen, mit dem vermeintlichen Zufall ging es weiter und nun kommen wir nicht mehr voneinander los.

 

Beim vierten Treffen entdeckte ich ihn beim Angeln am Steg, etwas weiter weg an einem der Klimakatastrophenseen. Sie existieren noch nicht. Irgendwann hat man darin Nutzfische ausgesetzt, die sich ganzjährig fortzupflanzen begannen.

Ich sah Jeremias schwere Schuhe im Schilf liegen und dahinter auf dem Steg ihn.

Er hatte die Angel festgemacht und schien zu dösen, unter sich das Shirt zu einem Kissen zusammengelegt.

 

Die Sonne beschien seinen blassen Oberkörper, der ebenso blenden konnte wie das Haar. Bei diesem Treffen stellte ich fest, dass alles an diesem Jungen bleich und hell war. Selbst seine Finger- und Fußnägel sahen so fahl aus als wären sie Leichenteile.

Seither trage ich meine Sonnenbrille mit den großen Gläsern viel öfter.

 

„Überraschung!“, flüsterte ich leise und beugte mich über ihn.

„Hast du nicht gesehen? Bei dir hat einer angebissen!“

 

Er sagte gar nichts, was mich nicht weiter störte, sondern sprang beinahe auf und holte die Schnur ein. Es hing eine große Plötze daran, wohlgenährt von den Millionen von Mückenlarven und mit aufgeregt um sich schlagender Schwanzflosse.

„Da hast du aber Glück gehabt!“

Ich versuchte, ihm zu gratulieren, sah, dass seine Finger zitterten.

„Lass mich mal.“

Es war das erste Mal, dass er mich direkt ansah, direkt auf mich einging und mich den glitschigen Fisch nehmen ließ.

„Mach ihn nur ab und wirf ihn wieder ins Wasser.“, sagte er hektisch als ich mit dem zappelnden Fisch und dem Angelhaken zugange war. Die Fischhaut war glatt und rutschig  und glitzerte in der Sonne wie Wassertropfen. Ich hatte kaum genug Zeit, ihn mir näher anzusehen.

„Warum denn? So groß wie der ist, kann man den sicher toll zubereiten!“

Ich lachte Jeremia an, doch er lachte nicht zurück.

„Ich will ihn nicht essen, lass ihn wieder frei!“

„Das versteh ich nicht. Warum angelst du dann?“

„Das geht dich nichts an, Idiot!“

„Aber guck doch mal, so groß wie der ist...“

 

Ich schaute mich im Gespräch um, nach einem Brett oder einem Knüppel. Bisher hatte ich nie geangelt sondern es nur als Sport auf dem hiesigen Sportsender gesehen. Wenn sie dort ihren Hecht oder Karpfen von einem Meter Länge fingen, schlugen sie ihn mit Knüppeln tot. All die Mühe, die Jeremia aufgebracht hatte, sollte nicht umsonst gewesen sein.

Das einzige, was in der Nähe war, waren meine Schuhe. Ich griff nach einem und hieb einmal auf den Fisch ein, verfehlte ihn und versuchte es erneut.

 

In diesem Augenblick traf mich Jeremias Faust zum ersten Mal, so fest, dass mein Kiefer knackte und von der Wucht zu vibrieren begann. Der Schmerz durchfuhr all meine Nerven bis in die letzten Enden hinunter, ich keuchte erschrocken auf und die Sonnenbrille flog mir von der Nase.

Ich hing für einen Moment benommen am Stegrand und versuchte, mich an morsch gewordenen, sonnengetränkten Holz festzuhalten.

Dann hörte und spürte ich Jeremias immer hektischer werdende Bewegungen, das Platschen des Fisches ins Wasser, ein beinahe unmerkbares Aufatmen.

 

Dann sah ich Jeremia an, lange und fragend.

„Mach bloß, dass du wegkommst!“, murmelte er leise und senkte seine Augenbrauen so tief, dass sie die Augenhöhlen darunter fast verdeckten.

„Bevor ich mich noch mehr an  dir abreagiere.“

 

Es war das erste Mal, dass solch ein Moment etwas in mir in Bewegung setzte, wie einen Schalter zu einem ganzen Uhrwerk, welches bis dahin ungenutzt und unbemerkt stillgestanden hatte.

„Das meinst du nicht ernst.“, sagte ich.

Um uns herum war es fast totenstill, beinahe wie jedes Mal, wenn wir aufeinander trafen.

Ich spürte die Hitze der Stegbretter unter mir, an mir, und rückte ihm ein bisschen näher. Die Sache mit dem Fisch schien ihn mitgenommen zu haben, und auch wenn ich bis heute nicht verstehe, wie man einen Fisch, den man unbedingt fangen wollte, wieder ins Wasser werfen kann, versuchte ich in diesem Augenblick, seine Gedanken ein wenig einzufangen.

 

Er kam mir näher, bedrohlich, wie im Lagerhaus und an der Eisdiele.

„Verpiss dich endlich!“

Seine Stimme versetzte meinen gesamten Brustkorb so sehr in Schwingung, seine Drohgebärden mich so sehr in eine erwartungsvolle Angst, dass ich mich in den nächsten paar Sekunden gar nicht regen konnten.

Um uns herum gab es nur zirpende Grillen, stechende Mücken, surrende Libellen und fickende Frösche, aufgeblähte Kröten, die aufeinander stiegen im finsteren Schilf und hin und wieder ihre Wangen aufblähten.

Ich beschloss, nicht wieder wegzulaufen.

 

Also kam ich ihm näher. Seine Finger zitterten noch immer vor Aufregung, seine Nasenflügel bebten wie Schwingen eines kleinen Vogels in der Luft und über allem konnte ich in seinen Augen nur die seltsam weiten Pupillen erkennen, während das Sonnenlicht die Farbe seiner Iris wegfraß.

Seltsame Augen, dachte ich, als ich ihn an mich zog und leis küsste.

Seltsamer Kerl.

 

Ich stieg auf ihn wie eine Kröte und erhitzte mich an seiner Haut.

 

Ein paar Tage später ging ich zum Verkäufer in der Eisdiele an der Ecke und fragte ihn über Jeremia aus.

„Viel weiß ich nicht über ihn.“, war das einzige, was mir der Mann sagte;

„Nur dass er immer schlecht gelaunt ist und kaum ein Wort sagt. Ich musste ihn mir erst ein wenig zurecht erziehen, dass er mich grüßt und sich bedankt. Du weißt ja selbst, Höflichkeit ist eine Tugend.“

Er hat viele Falten auf der Stirn, dieser Mann, doch blitzgescheite Augen, die noch ganz jung aussehen. Danach versuchte er, mir seine neueste Eiskreation zu verkaufen und einen Job anzudrehen, bei dem ich Flyer austragen sollte.

 

Ich verabrede mich nie mit Jeremia. Das lässt er überhaupt nicht zu. Wir treffen uns immer wieder rein zufällig an markanten Orten. Im Lagerhaus, weil ich nach Malwine suchen muss. Am Teich, an der Eisdiele.

Manchmal auch direkt vor meiner Haustür, wenn ich mich anschicke, Malwine zu besuchen.

Es muss Schicksal sein.

 

„Das ist kein Schicksal, Jungchen!“, lacht der Eisverkäufer dazu, wenn ich einen gezwungenen Plausch mit ihm führe.

„Das ist normal, weil ihr nahe beieinander wohnt.“

 

Ich bin mir sicher, dass Jeremia mich in Wirklichkeit gar nicht hasst. Seine verkorkste Persönlichkeit lässt es nur nicht zu. Er ist das Schwarz, ich bin das Weiß; darum muss er immerzu verneinen und ich bejahen. Es gibt keine Kompromisse.

 

Wenn die Leute uns zusammen sehen, schauen sie zweimal hin. Vielleicht, weil wir dieselbe Frisur haben, bei der die Haare in Fransen bis zur Schulter reichen. Eigentlich eine Frisur der Faulen. Ich habe mir die Haare blond gefärbt.

Die Menschen denken manchmal, wir seien Zwillinge, und das gefällt mir. Das könnte ein guter Vorwand werden, um Jeremia noch öfter zu sehen.

Wir gehören zusammen.




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