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2.
 

Wir schauen beide ins Wasser und ich beuge mich ein wenig vorne über, um mit der Fingerspitze die Reflektion von Jeremias Gesicht zu berühren. Ganz kalt ist sie, kalt und feucht und hinterlässt auf meiner Haut ein Gefühl der Klammheit. Es ist eine Empfindung, die sich ganz in mich hineingefressen hat. Alle Tage fühle ich mich so, wenn ich bei Jeremia bin. Es sei denn, ich bin ihm so nahe wie jetzt- und selbst dann noch ist etwas in mir, welches vor ihm zittert, welches sich vor seinen Schlägen fürchtet und zugleich darauf freut.

 

„Wer ist Malwine?“, fragt er mich und starrt ins Wasser. Ganz tief am Boden schimmern die orangenen Körperchen von Goldfischen und zucken hin und her wie Lichtreflektionen. 

 

Es ist schwer, Malwine in wenigen Worten zu definieren.

„Eine Freundin.“

Ich fühle mich so schwerfällig.

„Sie ist geistig ein bisschen zurückgeblieben. Ihr Vater schlägt sie manchmal und dann rennt sie weg. Ich gehe dann immer ins Lagerhaus und hole sie zurück.“

Ich verschweige ihm, dass sie der Anfangspunkt ist zwischen ihm und mir. Vielleicht würde er dann anfangen, sich mehr für sie zu interessieren. Auch wenn ich weiß, dass er niemals das von ihr bekommen kann, was ich ihm gebe.

 

„Du holst sie zurück und bringst sie dann nach Hause?“

Er schaut nicht mich an, sondern mein Spiegelbild. Ein Goldfischchen kommt näher an die Oberfläche und schaut uns an, zwei sonderbare Menschen, die sich niemals einig werden.

„Wegen ihrer Mutter.“, sage ich und verändere meinen Stand ein wenig, weil meine Knie anfangen zu schmerzen.

„Die macht sich Sorgen. Weil hier so viele Kriminelle rumhängen. Dann ist sie zu Hause wohl doch besser aufgehoben, denke ich.“

 

Ich spüre, wie Jeremia sich zu mir wendet und mich grob schubst, noch bevor ich es sehe.

Dann sitze ich auf dem feuchten, morastigen Boden des Teichufers, ein Vogel kreischt auf und ich fühle ein Brennen wie von tausend kleinen, kalten Nadeln auf meiner Wange.

„Du bist das größte Arschloch, das ich je erlebt habe!“, grollt Jeremia und schubst mich noch mal. Schubst mich und beugt sich bedrohlich über mich, so dass ich, inzwischen auf dem Rücken liegend, meine Arme hebe und vor meinem Gesicht verschränke, da ich nicht weiß, wie viele Schläge noch kommen mögen. Haare hängen in meinem Mundwinkel und geben mir das Gefühl, ich würde sie einatmen und möglicherweise daran ersticken.

 

Sekundenlang verharre ich, angespannt und erwartungsvoll; und als nichts passiert, lasse ich die Arme sinken und schaue Jeremia an, sein Gesicht, das nur zwei Nasenlängen von meinem entfernt ist; seine Augen, die so hell sind, dass sich der sumpfige Rasen in ihnen spiegelt. Und ich.

 

Das dritte Mal, als ich ihn traf, war vor der alten Eisdiele, vor einer matschgrauen Pfütze.

Ich hatte Malwine gerade nach Hause gebracht und nach den Eissorten geschaut. Der Himmel sah aus wie aufgebrochen, wie ein breiter Riss zog sich eine schmale Wolke von einem Hausdach zum anderen. Sie sah ein wenig aus wie die schmalen Lippen einer fremden Frau. Sie sahen aus wie seine Lippen.

Dann sah ich ihn in der Schlange zwei Leute vor mir und der Eisverkäufer rief ihn beim Namen.

Auch das hatte etwas von Hollywood an sich- ich gebe zu, ich verbringe viel Zeit mit meinen DVDs- und es passte irgendwie schlecht zu Jeremia.

„Halt die Schnauze, Alter!“, sagte er kurz darauf und plötzlich stimmte sein Bild wieder.

 

Ich betrachtete ihn ein Weilchen.

Durch meine Sonnenbrille sah sein Haar sepiafarben aus. Und als ich die Gläser absetzte, blendete es mich.

 

Warum ich ihn erneut ansprach, weiß ich heute nicht mehr genau.

Vielleicht gehörte es zu meinem Bestreben, mit jedem auf der Welt gut Freund zu sein. Ich bin jemand, der am liebsten morgens die gesamte Nachbarschaft duzenderweise grüßt, der nette Junge von nebenan, der Erdbeeren geschenkt bekommt, weil er die Katze vom Apfelbaum rettet oder den Rasen mäht.

Jungs wie ich sind selten; das sagen die Leute immer wieder.

Das muss nicht an der Klimakatastrophe liegen, die den Sommer beinahe doppelt so lang gemacht hat als er eigentlich sein sollte, die den Schnee und das Eis hat verschwinden lassen und in der es bis zu viermal pro Tag gewittern kann, weil zu viele Warmfronten am Himmel entlangdonnern. Die Erde hat sich aufgeladen und ist ein einziger Hot Spot. Da suchen die Leute gerne nach etwas, an das sie ihre Nostalgie legen und für einen Augenblick ruhen können.  Alte Werte sehen besonders an jungen Leuten gut aus.

 

Ich erschien geradewegs auf Jeremias Bildfläche, wahrscheinlich zu überraschend. Sein Eis fiel ihm beinahe herunter, weil er versucht war, sein Portemonnaie mit der freien Hand wegzustecken.

„Hi, ich bin´s!“

Ich griff ungefragt ein, hielt die Eiswaffel fest und kühles Schokoladeneis zerlief auf meinem Handrücken.

„Du weißt schon, Arne. Aus dem Lagerhaus.“

Ich hatte bis dahin jeden dazu bekommen, sich mit mir gut zu verstehen. Alle sagen, dass ich einer bin, der mit jedem kann und mit jedem würde.

 

Jeremia aber sah mich an wie eine kleine Küchenschabe unter seinen schweren Stiefeln.

Er sagte gar nichts, sein Blick verriet mir `Verpiss dich´ und sein Schritt wandte sich an mir vorbei.

 

„Was du neulich gesagt hast...“, vereitelte ich ihm in die Flucht.

Ein paar Leute drehten sich zu mir um, ich lächelte sie beiläufig an und dann lagen unser aller Augen auf  Jeremia.

„...wie  war das gemeint?“

 

Das Eis schmolz in der heißen Luft viel zu schnell, es lief nun auch über seine Hand, bis hin zu seinen Fingerspitzen, braun und schmierig und süß.

Einen Schritt kam ich nur näher- viel mehr brauchte ich nicht- dann war ich ihm so nahe wie neulich in der Halle. Ich musste daran zurückdenken, wie er meinen Arm festgehalten hatte, die Schmerzen. Und das aufgeregte Herzklopfen dazwischen.

 

„Fick dich.“, murmelte er, viel zu leise und viel zu zögerlich.

 

Durch den Himmel ging ein schmaler Wolkenriss, wie zusammengekniffene Lippen.

Und genau so fühlte sich das Schokoladeneis an, nur etwas kälter und süßer. Genauso fühlten sich Jeremias Lippen an.

 



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