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1.
 

Ich glaube, letztendlich haben wir uns in meinem Traum kennen gelernt.

Oder in seinem. Einem Traum, den die ganze Welt vielleicht einmal zusammen geträumt hat.

 

Wir haben dabei nicht gesprochen. Da war dieses große Lagerhaus mit dem Wellblechdach. Sah ein bisschen aus wie eine Konservendose.

Sein Gesicht hing über mir, ein Damoklesschwert aus hellen Farben, wie aus einem Pastellkreidekasten.

Die Luft um uns herum stand voll Staub und wir haben einfach nicht miteinander geredet.

Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, ich habe nur nach Malwine gesucht. Ja. Ja, ich denke, ich habe nach ihr gesucht.

 

Er stand plötzlich vor mir.

Allerdings nicht besonders eindrucksvoll mit diesem starren Blick. Ein Blick, den sich jeder aus Actionfilmen antrainieren kann. Ein Jet Li-Blick, ein Blick wie aus den Final Fantasy-Filmen.

 

Ich habe mich damals umgedreht und bin einfach wieder gegangen.

Ich denke, ich habe einfach nach Malwine gesucht. Sie versteckt sich so gerne und schläft in einer Ecke ein. Dann muss ich sie immer suchen gehen zwischen alten Holzbalken und staubigen Lagerresten.

 

Mit diesem Kerl wollte ich anfangs nichts zu tun haben.

Es gab keine Verbindung zwischen uns. Sein Gesicht sah weder bekannt aus noch reizte es mich, es näher kennenlernen zu wollen. Und wozu? In diesen Lagerhallen hausten meistens obdachlose Menschen, die ich auf meinen Streifzügen unweigerlich immer wieder fand, mit Bieratem und getrübten Augen; sie saßen oft wie Puppen in den Ecken und bettelten um Kleingeld.

 

An Jeremia jedenfalls bettelte nichts.

Im Gegenteil, alles an ihm schien die Außenwelt abstoßen zu wollen. Er war wie ein negativer Magnet in einer Umgebung, in der es nur Plus zu geben schien. Seine Augen waren schmal wie Mandeln, seine  Hände so zu Fäusten geballt, dass die Fingernägel in seine Haut schneiden mussten. Mit durchgedrücktem, brettgeradem Rücken musterte er mich.

Und machte mir Angst.

 

Also bin ich gegangen.

Ohne Malwine, ich gebe es zu, ich hatte ein nagendes, schlechtes Gewissen, welches mir bis in die Nacht kurz vorm Einschlafen alle Gedanken auffraß.

 

Alle Leute, die Jeremia und mich zusammen sehen, denken, wir seien Brüder. Manche fragen uns sogar, ob wir Zwillinge sind.

Mich macht das stolz, weil ich ihn gerne als Zwilling hätte.

 

„Pass auf mit dem!“, sagte Malwine später.

„Der ist gefährlich. Er wird dir weh tun!“ Da hatte sie ihn noch nicht getroffen.

Weh tat er mir tatsächlich. Was mich viel mehr wunderte daran, war, dass ich in solchen Momenten stets mit dem Denken aufhörte. Und genoss.

 

Ich stehe mit Jeremia am Tümpel hinter dem Wohnblock. Neben uns rauschen die Blätter in den drei einsamen Birken, die einzigen Bäume in der unmittelbaren Umgebung. Drüben, etwa hundert Meter entfernt, wetzen die Hasen über das Feld, springen hinaus über den hochgewachsenen Klee und schlagen Haken. Es erinnert ein wenig an Orkas im Fernsehen, die aus dem Wasser springen und dabei Robbenbabys erschlagen. Das war vor zwanzig Jahren, als es noch Wale gegeben hat.

Jeremia und ich sehen in das Spiegelbild der überglatten Wasseroberfläche.

 

Das zweite Mal begegnete ich ihm an derselben Stelle. Es war wie ausgemacht gewesen, eine unausgesprochene Verabredung. Ich stand kurz davor, es Schicksal zu nennen. Denn diesmal suchte ich nicht nach Malwine, was normalerweise der Grund war, warum ich diese Halle jemals betrat.

Diesmal hatte ich instinktiv nach ihm gesucht, das wusste ich. Das spüre ich noch heute.

 

Ich war so angenehm überrascht, dass ich meine anfängliche Angst einfach ignorierte. Sie war wie weggeblasen. Diesmal war es hell draußen und das Sonnenlicht drang spärlich und fahl durch die zerworfenen Fensterscheiben. In diesem Licht sah es aus, als hätte Jeremia keine Regenbogenhaut in den Augen. Wie ein Zombie aus einem Film stand er da, und er fletschte genauso die Zähne.

 

„Hi, ich bin Arne!“, sagte ich und hob die Hand beinahe automatisch.

`Willst du mein Freund sein?´ , geisterte es mir durch den Kopf, ein Satz, den ich in meiner Kindheit so oft gesagt und gehört hatte. Mir war es nie schwer gefallen, Freunde zu finden, oder zumindest Spielgefährten.

 

Jeremia wirkte wie die Gitarristen in Rockbands, wie neue Stars in Filmen, die von Independent- Firmen gedreht werden; Filme, in denen man fast nur Standbilder und Metaphern findet, die sich in andere Metaphern aufspalten.

Seine Mundwinkel gehen immer leicht nach unten, sein weißblondes Haar ist immer etwas durcheinander und er hat immer irgendwo einen blauen Fleck. Er ist wie ein Bad Boy in einer Teenyserie. 

 

Sein Wesen nahm mich sofort voll und ganz ein.

„Was machst du hier so?“, fragte ich, als er nicht antwortete. Zwischen uns war wieder nur der Staub und eine Grenze wie zwischen zwei verschiedenen Dimensionen. Es war, als würde die Luft leicht flimmern.

Schließlich senkte Jeremia den Blick und ich sah, dass er ganz langsam an mir hoch und wieder heruntersah.

„Einen wie dich suchen.“

 

Seine Stimme erschreckte mich beinahe. Sie war so tief, dass sie die Sonnenstäubchen zum Erzittern brachte, mein Herz sie beim Klopfen gegen den Brustkorb genau vernehmen konnte. So eine sonore Stimme mit einem Hauch Erbarmungslosigkeit.

„Einen wie mich?“

Ich lachte ihn an und versuchte es einfach so, wie ich es bisher gemacht hatte, wenn ich Freunde gewonnen hatte. Meiner Lebenslust kann niemand widerstehen, dachte ich mir in all meiner Neugier.

 

Es war ein Schreckmoment, als er so plötzlich näher kam. Seine hellblaue Iris klebte bebend an den übergroßen Pupillen- viel zu groß bei diesem Licht- dann klebte er scheinbar an mir, fasste so plötzlich nach meinem Arm und bohrte seine Finger fest in das Fleisch hinter dem Handgelenk, dass ich erschrocken zurückwich.

Er nickte langsam und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass ich quasi darauf wartete, dass sie anfangen würde zu bluten.

 

Vielleicht, so schoss es mir durch den Kopf, war er einer dieser drogenabhängigen Typen. Einer, der Leute ausraubte und ihnen Zähen ausschlug. Der Gedanke brachte mich dazu, mich von der Starre des Schreckens zu lösen, mich aus dem Griff zu winden. Mein Herz schoss das Blut wie Salven durch meine Adern, schnell und heftig, und ich drehte mich rasch um, um zu verschwinden.

Der Geruch des Fremden lag noch auf meinem Arm und an meinen Wangen. Die Nähe hatte mich irritiert. Ich lief, was das Zeug hielt und kam mir zugleich vor wie ein aufgeschrecktes Huhn, welches die Flügel hochreißt und damit sinnlos um sich schlägt.

 

Ich war schon fast die fünfstufige Treppe hinuntergerannt, als ich die alles durchdringende Stimme wieder hörte.

„Ich wette, du bist nach drei Schlägen ohnmächtig!“

 

Meine Füße begannen zu zittern, mein Atem stockte. Ich verharrte und drehte mich verwirrt um. In diesem Augenblick wirkte Jeremia unbesiegbar, unverbesserlich, nein, unbezwingbar. Seine hellen Augen leuchteten im Gegenlicht der niedrig stehenden Sonne auf eine seltsam diabolisch anmutende Weise. Ich schaute ihn an, schaute an ihm vorbei, als wäre ich geistesabwesend. Dann setzte meine Atmung wieder ein und ich rannte davon, dass der Blechboden unter mir donnerte wie das Grollen von mehreren Gewittern.




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