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Die Stadt, die Verrückte macht.

Hier wohne ich und frage mich, ob diese Stadt vielleicht seit jeher die Menschen in den Wahnsinn getrieben hat, selbst zur Zeit, in der sie noch gar keine Stadt war, sondern ein Dorf, eine Ansammlung von Hütten und Scheunen und Kühen und deren Mist auf den Wegen.

Angeblich soll Berlin ja älter sein als bisher angenommen. In der Zeitung spricht eine junge Archäologin darüber, die sich am Hackeschen Markt beeilen muss, alte Balken aus dem Mittelalter zu datieren, denn sie hält ja den Verkehr und den Bau von Straßen und Parkplätzen auf. Wann auch immer die Siedlung Berlin entstanden ist, es ist über den Daumen gepeilt nun etwa eintausend Jahre her.

Wenn ich mich an die älteste Stelle der Stadt begebe, schaue ich ehrfürchtig an der Nikolaikirche hoch, in der die Geheimnisse in alten Gebeinen und geflüsterten Gebeten hängt, in der es immer kalt ist und morsch riecht. Wenn ich mich auf den alten Molkenmarkt stelle, der dazugehört, werde ich allerdings leider überfahren.

An der Stelle, an der man früher Waren feilbot und Spielmänner schöne Balladen sangen, die Mittelalterbands heute mühsam versuchen nachzuempfinden, an der Stelle, an der man früher vielleicht Dieben die Hand abhackte oder das Augenlicht ausbrannte oder an den Pranger stellte und mit alten Eiern bewarf, fahren heute Autos und lasten schwer auf der Geschichte.

Wenn ich mit der Bahn in die Mitte der Stadt hineinfahre, verändert sich das Bild. Draußen, an den Schienen ist es immer grau und Pflanzen ranken an uralten Zäunen hoch und Müll liegt herum und auf jedem Stromkasten, an dem die Bahn entlangzuckelt, sind Graffitis mit fliegenden, gelben Fäusten. Nein, das meine ich nicht.

Ich meine die Menschen.

Die Stadt macht die Menschen verrückt. Damit meine ich Leute, die kein Zuhause mehr haben und vor Angst und Kälte und Hunger vielleicht schon längst tot sind. Sie starren dich seelenlos an, wenn sie an dir vorbeiziehen und wie Maschinen immer wieder denselben Text herunterbeten, und das immer wieder im selben Ton, der auf derselben Höhe kleben bleibt. „Obdachlos zu sein ist ein hartes Los.“, sagen sie und erwachen erst dann wieder, wenn sie mit ihrem Text fertig sind und sich niemand regt. Sie fluchen und beschimpfen die Menschen neben sich, die so tun als wären sie gar nicht da, als wären sie Luft, als wären sie Moleküle, die sich irgendwann von selbst auflösen und vergehen. Nur geradeaus schauen! Nichts sagen, die Schultern anziehen. Es ist als würden zwei Ebenen wie Klarsichtfolien übereinandergelegt. Die Reichen, die Mittelständischen, denen es in der Seele wehtut, die Armen, die ein bisschen Geld vom Staat empfangen und nicht wissen was sie tun sollen in dieser Situation. Und die Bettler.

Haben sich die Zeiten wirklich geändert?

Die Stadt ist voll von gescheiterten Existenzen, von solchen, die dabei sind zu scheitern und von solchen, die sich um die ersten beiden Gruppen nicht kümmern. Man lebt aneinander vorbei.

Doch was soll man tun, wenn man das dicke Fell nicht hat, an dem Spott und Hohn und Schicksal abgleitet? Ich sage noch immer „Nein, aber danke.“, wenn man mir innerhalb einer halben Stunde zum zehnten Mal ein Zeitungsabo verkaufen will, mich beim Tierschutz und Amnesty International eintragen will. Die Leute laufen mir nach und lassen mich manchmal erst fünf Meter später in Ruhe. Das ist ihr Job, soweit verstehe ich. Aber es ist alles zuviel.

All der Lärm, der dahintersteckt und gar nicht wirklich zu hören ist.

Die Frauen am Alexanderplatz, die immer wieder fragen „Do you speak English?“ und einem beinahe ins Eis spucken, wenn man kein Geld gibt. Die Menschen, die in der selben U-Bahn sitzen und die mechanische Stimme anschreien, die die Stationen ansagt;

„Ich hab gesagt, du sollst die Schnauze halten, du dumme Fotze!“

Die Frau und der Mann im selben Wagon, die mit zehn abgewetzten Tüten hinter einem sitzen und mit quäkenden Stimmen Orgasmen vorspielen, sodass sich alle zu ihnen umdrehen. Der Mann, der über drei Stationen anfängt, einen Monolog darüber zu halten, dass man eine Frau aufs Bett werfen, aber nicht durchficken soll, der immer lauter und wilder wird und schließlich aussteigt und bei dem man hinterher nicht weiß, ob er den Verstand verloren hat oder nur mit dem Entsetzen seiner Mitreisenden spielt. Jugendliche, die sich auf den Bahnhöfen anfangen zu prügeln, Türen der U-Bahn aufreißen, wenn diese schon anfährt.

Ich glaube, all das sind noch harmlose Geschichten. Und doch, zeugen sie nicht vom Wahnwitz der Stadt?

Es ist alles ein bisschen zu hipp und zu trendy, aber auch zu laut, zu kalt und zu dreckig. Das gehört wahrscheinlich dazu, New York und Tokyo und London haben auch diese Ecken. Die Gegensätze heben sich nicht auf, sie klaffen selbst in den starren Gesichtern ihrer Bewohner wie riesige, dunkle Löcher. Man wird zur Masse, verschwimmt mit dem Rest des Stroms zu einem dunklen Fleck, schnell, schnell von A nach B und bloß nicht zu sehr hinschauen, sonst steckt man mittendrin.

Mittendrin im Kuhmist an den Wegesrändern. Seit nahezu eintausend Jahren ist das so.

Ich husche hindurch, immer mit offenen Augen und Ohren und bedaure es, dass es die alten Spielmänner nicht mehr gibt.

27.2.08 00:46





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